Vom Müll, den man jetzt schmecken soll

09 Sep Vom Müll, den man jetzt schmecken soll

Frische, saftige, rausgeputzte Lebensmittel, bio und ohne Macken. Immer und überall verfügbar- so stellen wir uns einen idealen, täglichen Einkauf vor. Die ekelhafte Kehrseite davon ist die Über- und Massenproduktion, die rein gar nichts mit dem zurück verfolgbaren natürlichen Obst und Gemüse vom Bauernhof zu tun hat.


lyzadanger / CC-Lizenz

Doch die meiste Nahrung kommt erst gar nicht auf den Ladentisch. Fast die Hälfte aller Lebensmittel wird nie gegessen- auch wenn sie tadellos sind- werden sie ersetzt, durch noch schönere, noch frischere und formgerechtere Lebensmittel. Der Konsument wird ungefragt vor nicht ideal geformten Lebensmittel geschützt. Ein Skandal, der nicht wirklich bekannt ist, aber nun thematisch an die Öffentlichkeit gelangt.

“Rund die Hälfte unserer Lebensmittel – bis zu 20 Millionen Tonnen allein in Deutschland – landet im Müll. 90 Millionen jedes Jahr allein in der EU, gehen direkt in die Tonne. Das meiste schon auf dem Weg vom Acker in den Laden, bevor es überhaupt unseren Esstisch erreicht: jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel und jedes fünfte Brot.“ So die Ankündigung des neuen Valentin Thurn Dokumentarfilms Taste the Waste“. Thurn hat drei Jahre lang die Hintergründe dieses System recherchiert.

Der Film lief schon 2010 in einer Kurzfassung als Fernsehdokumentarfilm bei der ARD Themenwoche ‚Ernährung‘. Damals hieß er ‚Frisch auf den Müll‚.
Es ist ein Jahr vergangen, aber an der verheerenden Situation hat sich zu seinem Bedauern leider wenig verändert. Sein erschreckendes Fazit: „Das System ist pervers. Eindeutig. Weil wir einen Punkt erreicht haben, bei dem Lebensmittel vom Handel völlig entwertet werden“.

Prägnant auf den Punkt gebracht wird auch in vielen Medien ‚Taste the Waste‘ vorgestellt, hier der Titel, Thesen, Temperamente-Beitrag vom 04.09.2011:

Das Ausmaß der Verschwendung und der globalen Überproduktion ist spätestens seit ‚We feed the World’ bekannt. Valentin Thurn hat das Müllproblem zurück auf die Kinoleinwand gebracht. Er zeigt darin Berge von Müll, Gemüse und Obst, dass nicht mehr den Hunger stillen kann, weil es nicht der Norm gerecht wird oder mit Flecken gekennzeichnet ist.

Diese Gesellschaft hat ein Müllproblem. Es ist kein offensichtliches Müllproblem, denn der Müll wird aus dem Sichtfeld des Verbrauchers weggeschafft. Wahrscheinlich hätte man ein anderes Müllbewusstsein, läge der Müll auf den Straße wie im italienischen Neapel. Aber der Müll kommt auf die vollen Mülldeponien, welche Anwohner höchstens mal zu Gesicht, aber wohl eher zu riechen bekommen.

An dem Punkt ist es natürlich schon zu spät. Setzen wir also an einem früheren Punkt an. Es reicht nicht, nur einen nachhaltigen Konsum an den Tag zu legen, sondern beim Kauf auch auf Verpackung und Weg des ersehnten Objektes zu achten. Wo kommt eigentlich das Produkt her, dass ich kaufe und ist es nötig, dass es 1000 mal mit Plastik oder Papier umwickelt ist?

Was kann man als Verbraucher tun um sich diesem schier fast unmöglichen Globalisierungseffekt der Verpackungsindustrie zu widersetzen? Gute Frage. Hier die scheinbar einfache Antwort: Weniger und gezielter einkaufen.
Nicht alles selber besitzen müssen, sondern teilen. Dazu gehört es auch sozial stärker zusammenzuwachsen, sich zu engagieren und seine Mitmenschen kennen zu lernen. Ein typisches Großstadtproblem, in der wohl die wenigsten ihre Nachbarn kennen.

Doch zurück zu den Lebensmitteln:
Es gibt schon ein relativ ausgebautes Netzwerk an “Anti-Verschwendungsbewegungen“, wie die sogenannten “Mülltaucher“, die schon Begriffe wie ‚containern’ oder ‚dumpstern’ etabliert haben. Diese Bewegung, ebenfalls in der DokuDive“ zu bewundern, nimmt sich die vollgepackten Müllcontainer der Supermärkte vor, in denen sich genießbare Lebensmittel mit lediglich kleinen Mängeln oder abgelaufenem Haltbarkeitsdatum befinden.

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist gesetzlich so früh angelegt, das jährlich unfassbar viele, noch lange essbare Güter im Müll verschwinden. Valentin Thurn rät dem Verbraucher wieder mehr seinen Sinnen zu trauen, keinem wahllosen Datum, das sinnfällig vorgibt, für eine Gültigkeit zu stehen. Dieser Müll von sinnlos weggeworfener Nahrung, hat das Potential und die Masse -so das Ergebnis Thurns Recherche- den Welthunger drei Mal auf der Erde zu stillen.

Der Filmemacher Thurn hat ebenfalls ein Buch über diese Thematik geschrieben, es enthält viele Anregungen, wie jeder Einzelne umsteuern kann: Durch regionale Einkaufsgemeinschaften, die Bauern und Kunden direkt zusammenbringen, oder eine gesunde Küche, die sich auf das Verarbeiten von Resten versteht. Kann sich dadurch sogar eine neue Bewegung der Resteköche entwickeln?

Thurns Appell spricht schlussendlich direkt den Konsumenten an, beim Einkauf auf seinen Korb zu achten, denn: “Weniger ist mehr. Unser Konsum ist politisch und unsere Ernährungsweise kann die Welt verändern. Dafür bedarf es aber Taten statt Warten!“