Spekulation: Nahrung an der Börse

23 Sep Spekulation: Nahrung an der Börse

Kennen Sie Jean „Hans“ Ziegler? Es lohnt sich wieder einmal in diesen Tagen, sich mit ihm, seinen Ideen und seiner Literatur zu beschäftigen. Dieser Mann sorgt in jedem Falle verlässlich für Wirbel und das mit stolzen 77 Jahren. Er hat viele Kritiker, denn er bohrt da, wo andere sich sicher eingenistet fühlen. Bei seinem Einsatz für mehr Gerechtigkeit auf der Welt trifft er die Mächtigen und ist ihnen dabei in Gesprächen als UN-Berater nah- zu nah? Wegen seiner angeblichen Nähe zu Diktatoren wie Gaddafi wurde er als Redner von den Salzburger Festspielen nach einer Einladung, wieder ausgeladen.

Hauptsponsoren der Festspiele sind aber auch die Schweizer UBS und Nestlé. Zwei der größten Kritiker Zieglers. Was man auch von Ihm halten mag, er kritisiert die Wirtschaftverhältnisse, die noch nie so ausbeuterisch waren wie heute. Denn eigentlich nützen die Wirtschaftreglungen von heute nur wenigen. Sehr wenigen Menschen. Aber noch einmal zurück zu Ziegler: Jean Ziegler ist Politiker, Professor und Globalisierungskritiker in einem. Er war lange Abgeordneter, Professor der Soziologie und Autor in Genf und war bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Seit 2008 sitzt er im Beirat des UN-Menschenrechtsrat in Genf. Dafür reist er um die Welt und fährt in die Katastrophenregionen, aus denen aber tausende Menschen verzweifelt aufgrund von Dürre, Krieg oder Hungerkatastrophen flüchten. Seit Jahrzenten kritisiert er passioniert und vehement die Politik der Institutionen wie des IWF und der Weltbank. Denn diese Politik ist Industrie- und Schwellenländer freundlich und Entwicklungsländer unfreundlich.


By Presidencia de la Nacion (CC-BY-SA-2.0)

Neben den Veränderungen durch den Klimawandel– ist diese Politik ausschlaggebend für den Hunger und das Elend der Entwicklungsländer. Die Nahrungsspekulationen an den Börsen (Video: hier klicken) verhindern, dass sich die dort ansässige Bevölkerung Grundnahrungsmittel leisten kann. Dadurch können die Armen in den Entwicklungsländern den eigenen landwirtschaftlichen Ertrag nicht mehr bezahlen und importieren zusätzliche Lebensmittel aus Europa. Hochsubventionierte EU-Milch aus Nordfriesland landet so künstlich verbilligt auf Afrikanischen Märkten, denn Entwicklungsländer werden von der Weltbank aufgefordert, ihre Märkte fast zollfrei freizugeben und natürlich nicht-subventioniert weiter zu handeln, während Lebensmittel aus den Industrie- und Schwellenländern günstig importiert werden können. Das ist absurd und muss aufhören!

Konkret ergeben sich daraus weitere Forderungen und Notwendigkeiten zur Veränderungen des ausbeuterischen Wirtschaftssystem wie es heute ausgeführt wird:

  • Beendigung der Strukturanpassungsprogramme der Weltbank, die allein der Schuldeneintreibung im Interesse der Reichen dienen;
  • Genereller Schuldenerlass für die ärmsten Staaten der Welt;
  • Verbot der Spekulation mit Lebensmitteln an den Börsen;
  • Vorrang für Nahrungsmittelproduktion gegenüber Energieproduktion und daher Moratorium für die Erzeugung von Agrotreibstoffen;
  • Abbau des Agrardumpings durch die EU.

Nahrungsspekulationen sind ein globales Problem. Mit allen Gütern, die heute nicht hieb und stichfest sind, wird mittlerweile spekuliert. Die Spekulanten leiten die Verantwortung auf die Regierenden um. Diese gilt zu überzeugen, einschneidene Regelungen oder besser noch ein Verbot von Nahrungsspekulationen zu beschliessen. Wie schon in der letzten Filmkolumne über die Dokumentation „Taste the Waste“ aufgezeigt, wird von der westlichen Welt so viel Nahrung weggeschmissen, dass man die restliche Welt davon drei Mal ernähren könnte. Könnte. Jetzt müssen die Bewohner der Entwicklungsländer ihre eigenen wenigen Erträge nur noch bezahlen können.

Einen aktuellen und kritischen ARD- Beitrag über Jean Ziegler hat just das Kulturmagazin Titel, Thesen, Temperamente veröffentlicht. In diesem Beitrag äußert er sich auch konkret zu den Vorwürfen, sich immer wieder mit Diktatoren wie Gaddafi getroffen zu haben und bezieht Stelllung. Dabei räumt er Fehler ein, sich leider teilweise auch naiv der Situation geöffnet zu haben.


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