Aus dem Leben eines Bonsai

28 Jun Aus dem Leben eines Bonsai

Weniger ist schwer. Wie oft nehmen wir uns vor, mal wieder ordentlich auszumisten. Nicht nur was materielle Anhäufungen in der Wohnung, im Keller oder Dachboden betrifft – könnt‘ man ja alles noch brauchen… Auch mental ist es gar nicht so leicht, verkrustete Überzeugungen, festgefahrene Vorurteile und Gedanken loszuwerden und Platz für persönliche Weiterentwicklung zu schaffen. Und mit welchem der 500 Kontakte im physischen oder virtuellen Adressbuch (“xy möchte dein Freund sein“ – ääh, kennen wir uns?) wollen wir uns ernsthaft mal wieder auf ein Bier treffen?


Jonas Frankki

Was das Entrümpeln zu Hause betrifft, versucht es doch mal mit der Drei-Kisten-Methode: In Kiste 1, die Mülltruhe, kommt alles, was entsorgt werden kann. Faustregel: Was hat seit zwölf Monaten kein Tageslicht mehr gesehen, ist abgenutzt und unbrauchbar? Für diese Abteilung gilt: Nicht lang überlegen, sondern ab in die Tonne damit. Oder noch besser: Lässt sich etwas Neues daraus basteln? Kiste 2 ist für alles bestimmt, was selbst nicht mehr benötigt wird, aber für andere noch nützlich sein könnte. Auch hier git: schnell raus mit dem Kram. Kleidung gehört zur nächsten Annahmestelle oder in Sammelcontainer (Vorsicht: nicht immer landen die Sachen dort, wo sie sollen. Mehr dazu hier), Gegenstände zum (Online-)Flohmarkt, Kindergarten, Schule etc. Nur absolut Unverzichtbares, also die Dinge, die euer Herz schneller schlagen lassen und ein Kopfkino mit schönsten Erinnerungen in Gang bringen, darf bleiben und findet aus Kiste 3 den Weg zurück ins Regal.

Was für manche in die Kategorie #Steuererklärung, #Bewerbungsgespräch, #Wurzelbehandlung fällt, erheben andere zum Lebensstil. Zum Cult of Less oder zum simple living. Sie nennen sich mnmlist oder Mr. Minimalist und berichten über ihre Fortschritte hin zur perfekten Reduktion in zahlreichen Blogs. Downshifting ist angesagt. So wird Selbstgenügsamkeit nicht mehr als asketischer Genussverzicht unverbesserlicher Ökos, sondern als Weg hin zu persönlicher Entfaltung und dem Fokus aufs Wesentliche gesehen. „Wer nichts hat, kann alles geben“, lautet nicht etwa ein Slogan der Caritas, sondern der Titel eines Buchs des ehemaligen Millionärs Karl Rabeder, in dem er beschreibt wie er all seine Reichtümer aufgab und sie in Entwicklungshilfe investierte, um nun ein einfaches Leben in Tirol zu führen.

Letztlich geht es auch um Ressourcenschonung. Die Natur wird es uns danken, wenn wir uns mit weniger zufrieden geben. Je mehr Dinge wir neu kaufen, desto mehr Ressourcen dieses Planeten werden verbraucht. Vieles lässt sich selbst herstellen – aus vermeintlichem Müll lassen sich tolle Dinge basteln (Upcycling war neulich Thema hier im Blog). Was nicht mehr gebraucht wird, könnte für andere nützlich sein: Collaborative Consumption ermöglicht eine neue Form des Tauschens und Teilens. Wenn es dann doch ein Neukauf sein soll, lohnt es sich vielleicht, etwas mehr Geld für ein länger haltbares, ressourcenschonend hergestelltes Produkt auszugeben.

In den Worten des Philosophen Martin Heideggers: „Verzicht nimmt nicht, der Verzicht gibt. Er gibt die unerschöpfliche Kraft des Einfachen.“